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Aus der Moschee in den Heiligen Krieg PDF Drucken

Der Psychologe Kazým Erdogan hat die erste muslimische Männergruppe in Deutschland gegründet. Jetzt will er verhindern, dass junge Muslime als Krieger angeworben werden

Von Josefine Janert

Kazým Erdogan kommt gerade von einer Konferenz in den Niederlanden: Das Radicalisation Awareness Network (RAN) hatte dazu eingeladen. Das ist ein europäisches Netzwerk, in dem sich Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen, Polizisten und andere Mitarbeiter von öffentlichen Einrichtungen über radikale politische Tendenzen und ihre Ursachen austauschen. Sie hatten in Den Haag über die Männer gesprochen, die von Europa in den syrischen Bürgerkrieg ziehen. Es sollen Hunderte sein. Zumeist handelt es sich um religiöse Fundamentalisten. Viele von ihnen sind erschreckend jung. Manche sollen erst 16 Jahre alt sein, wenn sie ohne das Wissen oder gegen den Willen ihrer Eltern eine Waffe in die Hand nehmen. »Wir müssen etwas tun«, sagt Kazým Erdogan. »Jeder Jugendliche, der in Syrien stirbt, ist ein herber Verlust.«

portre214Der 61-jährige Psychologe hat sein Büro in Berlin-Neukölln, einem Bezirk, in dem viele muslimische Einwanderer leben. An der Wand hängen Fotos seiner erwachsenen Töchter. Auf einem Tisch brummt eintürkischer Samowar. Der schmale, leicht gebeugte Mann stammt aus einem Dorf in Anatolien. Seine Eltern warenbeide Analphabeten, und sein Vater wollte eine gute Bildung für seinen Sohn. Deshalb setzte er den sechseinhalbjährigen Kazým allein in einen Zug und schickte ihn in ein 550 Kilometer entferntes Internat. Dort blieb der Junge bis zum Abitur. Vor genau vierzig Jahren, am 4. Februar 1974, zog er nach Deutschland, um Psychologie zu studieren. »Ich wollte die Menschen besser verstehen«, sagt er heute.

Schwierige Gespräche in Familien

Kazým Erdogan legt das Buch »Das Ende der Geduld« von Kirsten Heisig auf den Tisch, einer guten Bekannten, mit der er eng zusammenarbeitete. Die Jugendrichterin war Mitinitiatorin des »Neuköllner Modells«. Es sieht die schnelle und konsequente Bestrafung von jugendlichen Straftätern vor, um weitere Delikte zu verhindern. Vor allem bemühte sich Heisig erfolgreich um den Dialog mit den Familien der Täter, von denen viele einen Migrationshintergrund haben. 2010 nahm sie sich das Leben, wohl auch, weil sie sich alleingelassen fühlte.
Auch Kazým Erdogan weiß, wie schwer es manchmal ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Allerdings kümmert er sich nicht um Straftäter. Er arbeitet in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Bezirksamtes.
Bekannter ist er für seine ehrenamtliche Tätigkeit: 2007 gründete er Deutschlands erste muslimische Männergruppe. Einmal in der Woche tauschen sich die Teilnehmer über ihre Identität als Mann aus, über ihr Verhältnis zu ihren Frauen und Kindern. 2012 erhielt Kazým Erdogan von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz.
Mittlerweile hat er mit dem Verein Aufbruch Neukölln in Berlin fünf weitere Gruppen initiiert – und noch mehr in anderen Städten. Er leitet nicht alle selbst an, sondern gibt sein Wissen an Moderatoren weiter, die die Aufgabe übernehmen und die er dabei unterstützt. Zu den Gruppen kommen inzwischen auch Männer aus Lateinamerika und anderen Weltregionen. An der Arbeit im Verein und an manchen Gesprächen beteiligen sich auch Frauen. Es geht um Familie, Erziehung, um das Miteinander der Geschlechter und Generationen und darum, wie Gewalt entsteht und was wir dagegen tun können.
Allzu oft herrsche »Sprachlosigkeit«, beklagt Erdogan. So seien die muslimischen Frauen selbstbewusster geworden. Sie wollen nicht mehr nur waschen, putzen und die Kinder großziehen. Das verstehen manche Männer nicht. Und es gibt Eltern, die viel zu wenig über ihre heranwachsenden Söhne wissen: Was für Freunde haben sie? Wo verbringen sie ihre Freizeit? Manche alleinerziehende Mutter hat kaum noch einen Zugang zu ihrem pubertierenden Kind. Er möchte, dass die Eltern ihren Kindern zuhören, sie ernst nehmen, nach ihren Freunden und Bekannten fragen.

Der Onkel erzählt vom Paradies

Nun will Kazým Erdogan mit seinem Netzwerk verhindern, dass junge Leute aus Deutschland als »Heilige Krieger«, als Dschihadisten, in den syrischen Bürgerkrieg ziehen. Bislang glaubten die Menschen aus seinem Netzwerk ihre Kinder in den Berliner Moscheen und Koranschulen in Sicherheit. Doch offensichtlich werben Islamisten dort für den Einsatz in Syrien. »Bei frommen jungen Männern ohne Job und Ausbildung können sie damit besonders viel Erfolg haben«, fürchtet Erdogan: »Die Jugendlichen hören von ihren Vätern: ›Aus dir ist nichts geworden!‹ Und dann kommt so ein vollbärtiger Onkel und spricht von Syrien und vom Heiligen Krieg. Das klingt schon verlockend.« Wenn die Eltern das erfahren, meint der Psychologe, dann »können sie mit ihren Kindern reden, sie aufklären, an ihren Verstand appellieren«.
Zwar kennt er niemanden persönlich, der in den Krieg gezogen ist. Doch auf der Konferenz in Den Haag ist ihm bestätigt worden, dass aus allen EU-Staaten, in denen muslimische Einwanderer leben, gezielt Männer für den Kampf an der Seite der islamistischen Rebellen angeworben werden. »Auf Assads Seite kämpft wohl kein gläubiger Muslim aus Europa«, glaubt Kazým Erdogan. Die Muslime, so erklärt er, fühlten sich ihren Glaubensbrüdern aus Syrien verbunden. Und sie glaubten, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie im Kampf gegen Assad fallen. Die Reiserouten führen über Spanien nach Nordafrika, über die Türkei und über die irakisch-syrische Grenze. Dort werden den Männern die Pässe und die Mobiltelefone abgenommen. »Diejenigen, die die jungen Leute rekrutieren, kennen sich aus«, sagt Erdogan.
Alarm schlägt auch der Verfassungsschutz. Präsident Hans-Georg Maaßen bestätigte Anfang Februar in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, dass mindestens 270 Dschihadisten aus Deutschland aufgebrochen seien, Deutsche oder Menschen mit Migrationshintergrund, die sich lange in Deutschland aufgehalten haben. Bislang sollen 15 Personen aus Deutschland in Syrien getötet worden sein. Auch der Verfassungsschutz weiß von minderjährigen Kämpfern aus Deutschland – und von mindestens zwei Dutzend Frauen. Sie sollen freilich nicht zum Kriegseinsatz angeworben worden sein, sondern um die Kämpfer »zu unterstützen« ? was immer das heißt. Maaßen befürchtet, »dass Deutsche in Syrien schwere und schwerste Straftaten begehen und mitverantwortlich sind für Folterungen und Tötungen«.

Drohbriefe von Rechtsradikalen

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Kazým Erdogan wirkt ruhelos angesichts dieser Gefahren. Er hat auch schon Drohbriefe erhalten – allerdings nicht von Fundamentalisten, sondern von deutschen Rechtsradikalen. Diese begrüßen es eher, wenn Islamisten Deutschland verlassen. Trotzdem macht er weiter. »In Den Haag habe ich erfahren, dass die Dunkelziffer der Kämpfer aus Deutschland wohl dreimal so hoch ist«, sagt er und erzählt von einer Berufsschule in Frankfurt am Main. Ein gutes Dutzend Schüler, die dort lernten, sollen jetzt in Syrien sein. Aus Belgien kamen 220 Männer, 80 davon allein aus Antwerpen, wo viele marokkanische Migranten leben. Britische Medien schrieben von 300 Dschihadisten aus dem Vereinigten Königreich. Sowohl der Verfassungsschutz als auch Kazým Erdogan wissen von Männern, die aus dem Bürgerkrieg nach Deutschland zurückgekehrt sind. Der Verfassungsschutz hält die Männer für gefährlich, weil sie auch hier Terroranschläge verüben könnten. Erdogan nennt sie »Zombies«, lebende Leichen, die traumatisiert sind von dem, was sie gesehen und getan haben.


Kazým Erdogan sieht nur dann eine Chance, wenn die Sprachlosigkeit überwunden wird: Eltern, die miteinander und mit ihren Kindern sprechen und sich für ihre Kontakte innerhalb der muslimischen Community interessieren.
Und er fordert einen weltoffenen Islam. In der Sehitlik-Moschee in Neukölln geht man den Weg der Toleranz und Offenheit. Sie bietet Führungen für Schulklassen und andere Besucher an, die eine Moschee von innen sehen wollen. Einmal in der Woche gibt es Informationen für alle, die den Islam kennenlernen möchten. »Von den
Dschihadisten, die aus Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg ziehen, hören wir nur aus dem Medien«, sagt Ender Cetin, der Vorstandsvorsitzende der Moschee. Für Kazým Erdogan sind dies gute Initiativen. Doch er weiß auch, dass noch viel mehr Engagement notwendig ist, um junge Männer vom Heiligen Krieg abzuhalten, wenn ihnen nach ihrem angeblichen Märtyrertod das Paradies versprochen wird. Verführung junger Muslime: Auf Veranstaltungen und im Internet werben Prediger und vermummte Krieger für den radikalen Islam und für den Heiligen Krieg Kazým Erdogan: Der Psychologe versucht die Sprachlosigkeit unter den Muslimen zu überwinden. Aus: Publik-Forum, kritisch – christlich – unabhängig, Oberursel, Ausgabe 3/2014

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