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Tabuthemen im Männer-Café - Tageszeitung 09.03.2014 PDF Drucken
Von Annett Heide

Erdogan gibt weitere Beispiele. Von Mädchen, denen auf dem Hermannplatz von Unbekannten Telefonkarten geschenkt und die dann in Wohnungen gelockt wurden. Von Männern, die kleinen Jungs vor der Schule auflauern, „denn viele von euch kontrollieren die Mädchen, aber was die Jungs machen, fragt ihr nicht“. Ein Mann berichtet nun von einem Freund, dessen Tochter es sich nicht verbieten ließ, im Internet zu chatten. „Da ist es doch die Schuld des Mädchens, wenn etwas passiert. Die Eltern haben keine Kontrolle.“

Ein anderer Mann erzählt daraufhin, dass einer seiner Freunde als Kind vom Onkel missbraucht wurde und nun, wo er selbst einen Sohn hat, dessen Besuche verbietet, weshalb es Streit in der Familie gibt. Die Frage der Strafanzeige wird diskutiert, bis Erdogan sagt: „Am wichtigsten ist es erstmal, eure Kinder angstfrei zu erziehen. Sagt ihnen, sie sollen auf dem Schulweg nicht mit Fremden reden und keine Geschenke von ihnen annehmen. Nur wenn die Kinder sich verteidigen können, sind sie stark.“

Jemand schneidet ein weiteres Thema an: die Tabuisierung von Sex. Weil darüber in der türkischen Gesellschaft nicht geredet würde, könnten viele nicht damit umgehen. „Als ich meine Mutter fragte, wie ich auf die Welt gekommen bin, antwortete sie: Die Zigeuner haben dich gebracht. Erst viel später habe ich in der Stadtbibliothek die Wahrheit nachgelesen. Ich habe Monate gebraucht, bis ich das akzeptieren konnte.“ Und, sagt der Mann, er frage sich noch immer, warum er, ein Lehrer, überhaupt nichts von Zeugung gewusst habe. Auch wenn eine Frau hochschwanger sei, würde niemand zugeben, dass sie Sex gehabt hat. „Weil Sex unterdrückt wird, kommt es zu solchen Sachen.“

Opfer der Technik

Zum Schluss spricht Kazim Erdogan noch einmal das Internet an. „Ihr dürft euch nicht darauf verlassen, dass die Kinder dort nichts Schlimmes finden. Ihr müsst mit ihnen reden und sie aufklären.“ Er selbst habe kürzlich erfahren, dass er ein Facebook-Account hat. „Ich selbst habe mich da aber nie eingetragen. Irgendjemand hat ein Foto von mir runtergeladen und ein Account unter meinem Namen eingerichtet. „Es geht schnell, Opfer der Technik zu werden.“

Geht es immer so offen in der Gruppe zu, Herr Erdogan? Sprechen Männer hier immer so frei über Themen, die sonst in der türkischen Community ein Tabu sind? „Ja“, antwortet er. Inzwischen sitzt er in einem Restaurant und bestellt Gözlemer, gefüllte Teigtaschen, und Nierensuppe.

„Die Männer sind Gäste gewohnt. Inzwischen haben wir regelmäßig Besuch. Leute aus dem Jobcenter und von Sozialdiensten, Leute aus dem türkischen Außenministerium oder Doktoranden aus der Türkei, und auch Politiker, jetzt gerade Burkard Dregger von der CDU.“ Es ist nicht schwer für Erdogan, solche Leute zu bekommen, er gilt bundesweit als einer der führenden Experten für Migration und Integration.

Viele Besucher

Der erste Drehtag zu „Halbmondwahrheiten“ war der 6. Juni 2012, dem Tag, als ihm als erstem Deutsch-Türken das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Das Filmteam begleitete ihn ins Schloss Bellevue, bei Reisen in die Türkei und natürlich in seinem Alltag: Zuhause, mit seiner Frau. Morgens beim Aufstehen um vier, um fünf ist er in seinem Büro, um in Ruhe arbeiten zu können, wie er sagt. Bei Demonstrationen und beim Bücherverteilen in der Hasenheide. Erdogan ist besessen. Einmal, als er noch Schulpsychologe war, rief er 200 Eltern persönlich an, um sie zur Elternversammlung einzuladen. Die Direktorin erkläre ihn damals für verrückt. Heute leitet er den Psychosozialen Dienst von Neukölln, dem Stadtteil, der normalerweise Problemkiez genannt wird.

Da der Film auf verschiedenen Filmfestivals eingereicht ist, steht es noch nicht fest, wann er in die Kinos kommt. Im Fernsehen läuft er wahrscheinlich im Juni. Sind Sie stolz auf sich und den Film, Herr Erdogan? „Wissen Sie, das bin ich. Ich war am 5. Februar 40 Jahre lang in Deutschland. Und ich habe viel dafür getan, dass die türkische und die deutsche Gesellschaft besser zusammenwachsen. Doch angefangen hat es hier ganz anders für mich. Am 26.9.1974 wurde ich festgenommen und kam ins Gefängnis. Ich sollte abgeschoben werden.“

Originalbeitrag

 
 

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