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Mord in Berlin-Adlershof PDF Drucken

Warum musste die schwangere Maria P. sterben?

Erstellt 29.01.2015
 
 Am weißen Kreuz hängt ein Foto von Maria P.  Foto: A. Kopietz
 
In einem Waldstück in Berlin-Adlershof wurde Maria P. bestialisch getötet. Sie war 19 Jahre alt und schwanger. Warum mussten sie und ihr ungeborenes Kind sterben? Eine Spurensuche in Berlin-Adlershof.  Von   und 
Berlin

Die Stelle, an der Maria P. erstochen und verbrannt wurde, ist nicht leicht zu finden. Doch in dem Waldstück hinter dem städtischen Friedhof in Adlershof sind tagsüber viele Fußgänger mit ihren Hunden unterwegs. Sie alle wissen, wo das Verbrechen passierte. An dem Ort stehen jetzt zwei weiße Holzkreuze und brennende Grabkerzen. Immer wieder halten dort Menschen inne und entzünden ein Licht oder legen Blumen nieder.

Jemand hat einen weißen Baby-Strampler an einem Baum befestigt. „Passt auf Euch auf, da wo Ihr jetzt seid“, ist mit Filzstift draufgeschrieben. Unterzeichnet haben Katja, Finley, Benni, Mandy, Franzi und Sidney. Vielleicht war der Strampler ein Geschenk für die junge Mutter und ihr ungeborenes Kind.

Maria P., 19 Jahre alt, aus Hohenschönhausen, lebt nicht mehr. Die hochschwangere Frau wurde am vergangenen Donnerstagabend in diesem Wald ermordet. Zwei Mal wurde ihr ein Messer in den Bauch gerammt, dann wurde sie angezündet.

Schon kurz nach der Tat fasst die Polizei die beiden Mordverdächtigen: Eren T., den 19-jährigen, türkischstämmigen Ex-Freund von Maria, und den gleichaltrigen Daniel M. Die Ermittler der Mordkommission und der Staatsanwaltschaft versuchen nun herauszubekommen, wie es zu dieser Tat kommen konnte.

Aber es geht nicht nur um polizeiliche Erkenntnisse, es gibt Fragen, die darüber hinausgehen. Wie kann es zu einer derart brutalen Tat kommen? Wie kann es sein, dass junge Menschen in unserer Gesellschaft aufwachsen und trotzdem zu so etwas fähig sind? Warum hat niemand etwas bemerkt, als es noch nicht zu spät war? Geht es um in diesen Tagen so oft zitierte Integrationsprobleme? Wollte Eren T., der mutmaßliche Täter, die Ehre seiner Familie retten?

Er wollte das Baby nicht

Nach dem, was bisher bekannt ist, spielte sich der Fall so ab: Maria P. und Eren T. sind seit einiger Zeit zusammen. Sie erwartet ein Kind von ihm, ein Mädchen. „Eren T. wollte das Kind nicht“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. „Das ist auch das Mordmotiv.“ Die Ermittler schließen nicht aus, dass Eren T. Ärger mit seiner Familie bekam. „Es gab Personen im familiären Umfeld, bei denen das Kind unerwünscht war“, sagt Steltner. „Wir prüfen, ob weitere Personen an der Tat beteiligt sein könnten.“

Am Tatort hinterließen die Freunde des Opfers einen Baby-Body.  

Foto: Andreas Kopietz

Am Tatort hinterließen die Freunde des Opfers einen Baby-Body.  Foto: Andreas Kopietz

Eren T. macht Schluss mit Maria. Er verlangt von ihr, dass sie das Kind abtreibt. Mehrmals soll er sie deshalb bedroht haben. Den Ermittlungen zufolge fasst er einen Plan, für den er seinen alten Schulfreund Daniel M. gewinnen kann.

Er überredet Maria zu einem Treffen. Er wolle sich mit ihr aussprechen, sagt er. Gemeinsam mit Daniel mietet er ein Auto und holt Maria von zu Hause ab. Die Ermittler verraten nicht, ob Maria freiwillig mit in den Wald gekommen ist oder ob sie von den Tätern dorthin verschleppt wurde.

Der Ort, zu dem sie gehen, ist eine Stelle, an der jeder Schrei des Nachts verhallt. Die Siedlungen, die den Wald umgeben, sind weit weg. Einer sticht zu, dann wird Maria mit Benzin überschüttet und angezündet. Die Sicherung der Spuren ergibt, dass Maria brennend wegrennt, bis sie in einer Mulde zusammenbricht. „Die Tat war minutiös geplant“, sagt Oberstaatsanwalt Steltner.

Sehnsucht nach einem schönen Leben

Wer war Maria P.? Warum musste sie sterben? Ihre Facebook-Seite erzählt von ihr. Es ist seltsam, sich durch die Fotos und Kommentare zu klicken, sich ihre Lieblingsmusik und ihre bevorzugten Filme anzuschauen. Es ist, als wühle man in einer Kiste mit den letzten persönlichen Dingen, die von der Toten geblieben sind. Darf man das? Die Antwort gibt sie selbst in einem Kommentar zu ihrem ersten Profilbild: „Seht alle her, das bin ich!“

Diese Facebook-Seite, die so etwas wie ihr elektronisches Vermächtnis ist, zeigt eine lebenslustige, neugierige, empfindsame Frau. Vor allem aber scheint da sehr viel Sehnsucht gewesen zu sein. Sehnsucht nach einem schönen, märchenhaften Leben. Auf ihren Fotos sind glückliche Brautpaare, herrliche Rosensträuße und süße Babys zu sehen. Dunkelhäutige Prinzen mit sorgsam frisierten Haaren küssen in helle Seidentücher verhüllte orientalische Prinzessinnen. So hat sie sich ihr Leben vorgestellt.

Eren T. hat offenbar andere Träume. Er will nicht Vater werden. Am Freitagmorgen gegen drei Uhr klingelt Eren T. an einer Neuköllner Polizeiwache. Er meldet Maria P. als vermisst. Er mache sich Sorgen um sie, erzählt er den Polizisten. Vielleicht sei ihr etwas zugestoßen. Er stammelt wirres und widersprüchliches Zeug, die Beamten lassen ihn gehen. Gegen 7.45 Uhr finden Fußgänger die verkohlte Leiche im Wald.

Noch am Nachmittag nehmen Polizisten Eren T. in der Wohnung seiner Mutter im Neuköllner Ortsteil Rixdorf fest. Schnell ist klar, dass er etwas mit dem Mord an Maria zu tun haben muss. Darauf weisen seine widersprüchlichen Angaben hin und auch die Spuren, die am Tatort gefunden wurden. Eren T. nennt den Ermittlern den Namen von Daniel M. Dieser habe Maria getötet, sagt er. Daniel M., der ebenfalls in Neukölln aufwuchs, ist ein Schulfreund von Eren T.

Beide werden des gemeinschaftlichen Mordes beschuldigt und sitzen in Untersuchungshaft. Wer mit dem Messer zustach, wer das Benzin entzündete, wer das Opfer festhielt, das sind alles Fragen, über die die Ermittler nicht reden. Vorgeworfen wird den beiden auch „gemeinschaftlicher Schwangerschaftsabbruch“. Einen anderen Begriff für die Tötung ungeborenen Lebens durch Messerstiche kennt das Strafrecht nicht.

Eren T. macht inzwischen von seinem Schweigerecht Gebrauch. Man weiß fast nichts über ihn, nur dass er vergangene Woche einen Brief vom Jugendamt bekam, in dem er aufgefordert wurde, über seine Vaterschaft Auskunft zu geben. Maria P. hatte ihn dem Amt gegenüber als Kindsvater genannt. Es scheint, als habe dieser Brief alles ins Rollen gebracht.

Daniel M. räumt die Tat ein. Er war offenbar ein willfähriger Komplize, saß bereits wegen Körperverletzung und Diebstahl in Haft. Obwohl erst neunzehn, ist Daniel M. seit drei Jahren Vater. Im Jahr 2011 lud er mehrere selbst gemachte Filme auf Youtube hoch. Einige sind voller Melancholie und Selbstmitleid und bestehen aus Textstücken, die von Musik unterlegt sind. Er habe „viel Scheeße“ gebaut und seine Chancen nicht genutzt, schreibt er etwa. „Aber ich muss mein Leben auf die Reihe kriegen. Ich werde Vater in 5 Monaten.“

Obwohl Maria zum Islam konvertiert, wird sie nicht akzeptiert

In einem Clip vergöttert er bei gefühliger Musik seine neugeborene Nichte, in einem anderen geriert er sich als harter Mann mit Schlagring an der Faust. Auch ein Video, das ihn mit seinem Kumpel Eren T. zeigt, hat er ins Netz gestellt. Darin simulieren die beiden damals 15-Jährigen einen Kampf. Der Titel des Films lautet „Hit the Bitch“ (Schlag die Schlampe).

Maria selbst verändert sich über die Jahre, färbt sich die Haare schwarz, hüllt sich in bunte Tücher, trägt orientalischen Schmuck. Als Arbeitsstelle gibt sie den Fußballklub Galatasaray an, als Geburtsort Gaziantep, die Provinzhauptstadt von Südostanatolien. Dabei wurde sie wie auch ihre beiden Brüder in Berlin geboren, als Kind deutscher Eltern.

Ihr Vater stirbt, als sie noch klein ist, ihre Mutter heiratet später einen Mann aus der Türkei. Hat ihr Stiefvater ihre Liebe zum Orient entfacht? Gaziantep ist die Stadt, aus der er stammt. Seine Familie dort scheint für Maria ein neues Zuhause geworden zu sein. Es gibt Fotos, die sie mit ihren Cousins und Cousinen zeigen, es sieht so aus, als habe sie dorthin gehört. Ihr Stiefvater, der in Berlin einen Dönerimbiss betreibt, öffnet Maria eine Tür in eine neue Welt.

Ihre äußere Verwandlung findet wohl statt, als sie im September 2012 Eren T. kennenlernt. Hans-Martin Gässler, der Leiter der Fritz-Reuter-Schule in Hohenschönhausen, die Maria bis zur 10. Klasse besucht, beschreibt sie als normales, fröhliches Mädchen. Die Fotos, die er jetzt von ihr in den Zeitungen gesehen hat, zeigen eine neue Maria. „Sie hatte eine andere Erscheinung, als sie noch bei uns war“, sagt Gässler.

Erst Kussmund, dann Schleier

Es kann sein, dass Maria sich irgendwann selbst wie eine Türkin fühlt. Aber die Familie ihres türkischstämmigen Freundes sieht das offenbar anders, sie ist nicht glücklich darüber, dass Eren sich mit Maria einlässt. Für sie bleibt das Mädchen eine ungläubige Deutsche, eine von der anderen Seite.

Seitdem Maria mit Eren zusammen ist, sehen die Fotos, die sie bei Facebook postet, immer züchtiger aus. Posiert sie anfangs noch mit Kussmund und offenen Haaren, verhüllt sie sich später mit einem bunten Schleier, bedeckt kokett ihren Mund mit der Hand, auf der Henna-Tattoos zu sehen sind, wie sie der Braut traditionell bei der orientalischen Hochzeit auf die Haut gemalt werden. Nur ihre graugrünen Augen verraten sie. Hatte sie gehofft, ihren Freund behalten zu können, wenn sie wie ein braves, türkisches Mädchen aussieht?

Auf jeden Fall sehnt sie sich danach, all das zu überwinden, was sie von ihrem Freund trennen könnte. Sie postet einen Satz von Martin Luther King: „Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen und wie die Fische zu schwimmen. Aber wir haben die einfache Kunst nicht erlernt, als Brüder zu leben.“ Es klingt so, als rufe sie zur Versöhnung der Religionen auf. Sie postet das Foto einer Männerhand, auf der ein Halbmond-Tattoo zu sehen ist und die eine vom christlichen Kreuz gezeichnete Frauenhand ergreift. Letztlich geht es ihr aber wohl vor allem um die eine Versöhnung: die mit der Familie ihres Freundes, die sie nicht akzeptieren will.

Um Maria getrauert wird auch in der Brillat-Savarin-Schule am Rand von Hohenschönhausen. Der Bus aus dem Zentrum fährt auf dem Weg hierher vorbei an Feldern und Alleen, neben der Haltestelle liegt ein Skatepark aus Beton, dahinter gedrungene Plattenbauten. Hier ging Maria zur Schule, Oberstufenzentrum Gastgewerbe, Abteilung III, auf dem Stundenplan stehen die Fächer „Arbeiten in der Küche“, „Arbeiten im Service“, „Warenwirtschaft und Magazin“. Im September letzten Jahres unterbrach Maria P. die Schule, sie wollte sich erst mal um ihr Kind kümmern, dann wieder einsteigen. Das erzählt die Leiterin der Abteilung, Kerstin Zenker, die eigentlich nicht mit Journalisten sprechen darf. Sie schließt dann doch noch den Raum auf, in dem die Schüler um Maria P. trauern können.

Ihre Klassenkameraden haben einen Rahmen mit ihrem Bild aufgestellt, rechts und links daneben gelbe und weiße Rosen, davor ein Teelicht im roten Glas. Auf einer Karte können die Schüler eine Nachricht hinterlassen, Kerstin Zenker will sie dann an Marias Familie schicken. Erst ein paar wenige haben unterschrieben. Es dauert, sagt Kerstin Zenker, bis die Trauer durchkommen kann. Was schreibt man den Angehörigen nach so einem Tod? „Wir lieben dich!“, steht in runden Lettern mit Füllfederhalter geschrieben.

Der Druck der Familie

Der größte Kranz in dem Wald, in dem Maria ermordet wurde, kommt vom Verein „Aufbruch Neukölln“, der türkischen Männern hilft, wenn sie Beziehungsstress oder andere Krisen haben. Man hätte Eren T. gewünscht, dass er diesen Verein gekannt hätte. Da hätte er dann womöglich Kazim Erdogan getroffen.

Der Psychologe hat ein feines, kluges Gesicht. Er hat bei seiner Arbeit mit zerrütteten Familien einiges kennengelernt, aber die Grausamkeit, mit der Maria P. getötet wurde, ist auch für ihn nur schwer zu begreifen. „Warum hat sich die Familie keine Hilfe geholt?“, fragt er. „Hat das Umfeld nichts mitbekommen? Die Schule? Freunde?“

Es sei zumindest vorstellbar, sagt Erdogan, dass der familiäre Druck auf Eren T. derart groß war, dass ihm die Sicherungen durchbrannten. Es gäbe junge, türkischstämmige Männer, die nie lernen, den Eltern ihre Meinung zu sagen, ihnen gar zu widersprechen. Diese Männer seien bisweilen verunsichert, weil sie sich nicht als Türken und nicht als Deutsche fühlen, sondern höchstens als Versager. Diese Leere füllen sie dann mit Begriffen wie Ehre und mit Gewalt. Es seien die gleichen Mechanismen, die junge Menschen in den Dschihad ziehen lassen.

Maria spricht Türkisch, soll sogar zum Islam konvertiert sein, will eine gute Ehefrau und Mutter werden. Die Familie ihres Freundes akzeptiert sie trotzdem nicht. Die Beziehung der beiden wird dadurch nicht einfacher. Eine von Marias Freundinnen sagt, Maria sei sehr verliebt gewesen, aber Eren T. habe sich nie richtig entschieden, er sei mal da gewesen und mal nicht. Als er erfährt, dass sie schwanger ist, bleibt er ganz weg.

Im September 2014, Maria ist im fünften Monat schwanger, schreibt sie auf Facebook: „Keiner macht gerne den ersten Schritt, solange die Enttäuschung in seinem Herzen sitzt.“

Ihre Tochter, die in diesen Tagen zur Welt gekommen wäre, sollte Dilara heißen. Der Name kommt aus dem Persischen. Dil ist das Herz. Ar ist das Feuer.

 
AUTOR
Anne Lena Mösken
 
 

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