EU-Seminar von Aufbruch Neukölln Drucken

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Berlin, 10.02.2014

Sicher und empathisch in der Alphaberatung

Aufbruch Neukölln e.V. führt Seminar für Teilnehmerinnen aus dem europäischen Ausland zum Thema funktionaler Analphabetismus durch

 

 

Europa macht mobil – Europa bekommt ein Gesicht. Über das EU-Bildungsprogramm Grundtvig unterstützt die Europäische Kommission Bildungs- und Lernangebote in Europa mit dem Ziel, die allgemeine Erwachsenenbildung in Europa voran zu bringen. Es ermöglicht die europäische Zusammenarbeit, Begegnungen und den Austausch von Menschen. Der GRUNDTVIG Workshop „Sicher und empathisch in der Alphaberatung“ hat vom 04. bis 09. Februar 2014 stattgefunden. 16 Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer aus neun EU-Ländern sowie aus der Türkei waren zu Gast in Berlin-Neukölln beim gemeinnützigen Verein Aufbruch Neukölln e.V.

Die Teilnehmerinnen sind wichtige Akteurinnen in ihren Ländern. Darunter befinden sich Lehrerinnen, Beraterinnen, Bibliothekarinnen, Sprachwissenschaftlerinnen, Sozialarbeiterinnen, Redakteurinnen für leichte Sprache und eine Neuropsychologe.

Trotz erfolgreicher Ansätze in den letzten Jahren sind insbesondere relevante Akteure (Personal verschiedener Behörden, Agentur für Arbeit etc.) noch nicht ausreichend über die Problematik des funktionalen Analphabetismus informiert. Analphabetismus ist nach wie vor ein Tabuthema. Eine zielgerichtete Sensibilisierung der Akteure kann zu einer besseren Beratung von Betroffenen führen und ermöglichen, intensiver auf das Thema aufmerksam zu machen und Lösungsansätze zu suchen.

Verena Purer, eine Teilnehmerin aus Wien, berichtet von ihrer alltäglichen Arbeit im Bereich Coaching, Supervision und Beratung für ein Wirtschaftsunternehmen. Sie habe schon mehrmals gemerkt, dass ein LKW-Fahrer einen Lieferschein nicht ausfüllen könne. Doch sie habe jedes Mal nicht gewusst, wie sie mit dieser Situation umgehen solle. Genauso unsicher sei sie gewesen, wenn bei einem Workshop des Unternehmens Teilnehmer die Arbeitsmaterialien gar nicht erst angeschaut hätten. Nun aber nach dem Seminar in Berlin werde sie sich trauen, „dieses Tabuthema anzusprechen“. Entweder werde sie den Betroffenen gezielte Beratungsstellen vermitteln, oder sie werde gemeinsam mit der Unternehmensleitung nach Lösungen suchen.

Wie im Fall von Verena Purer gibt es in der Beratung oft Unsicherheiten in der Ansprache, da es sich um ein sehr sensibles Thema handelt. Die Beratung von funktionalen Analphabeten verlangt ein besonderes Maß an gezielter Unterstützung. Für die Diagnose gibt es wenig Hilfsmaterial. Auch ist eine behutsame Ansprache ohne Bewertung, Abwertung und Stigmatisierung von enormer Bedeutung. Sie muss trainiert und beherrscht werden. Denn es gibt großen Bedarf an einem wertschätzenden Umgang. Genau hier setzte der Workshop in Berlin an. Die Seminarleiterinnen setzten die innovativsten wissenschaftlichen Methoden ein, die sie bereits in der Praxis erfolgreich eingeübt haben.

 

Die Teilnehmerin Anika Nachbauer aus der Nähe Ravensburg berichtet, sie werde bei ihrer Arbeit mit Behinderten, unter denen es auch funktionale Analphabeten gebe, mehr mit Bildern arbeiten und Texte möglichst einfach formulieren.

Mia van Boxtel ist 63 Jahre alt und arbeitet in einer niederländischen Kleinstadt, deren Einwohner aus 70 Ländern stammen. Die Sprachlehrerin bietet ehrenamtlich Sprachkurse für Einwanderer an. Darunter gebe es auch viele Menschen, die in ihren Heimatländern noch nie eine Schule besucht haben, wie etwa Frauen aus dem Senegal. Eine andere Herausforderung stellten Menschen aus dem arabischen Sprachraum dar. Auch wenn sie keine Analphabeten seien, müssten sie in den Sprachkursen zunächst die lateinische Schrift lernen. Um solche Schwierigkeiten für alle erfahrbar zu machen, erzählt Boxtel, würden in den Sommerkursen auch Workshops von Chinesinnen und Araberinnen in Kaligraphie und arabischer Schrift für alle anderen angeboten.

Die in Österreich lebende Slowenin Janja Jurkovic unterrichtet Asylbewerber in Deutsch und arbeitet als Dolmetscherin. Sie berichtet, sie habe im Seminar Methoden erlernt, wie sie das Niveau der Lese- und Schreibschwäche feststellen könne. Auch nehme sie jede Menge Erfahrungen aus anderen Ländern mit.

Damit ist nicht nur sie dem Kursziel einen Schritt näher gekommen, die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Betroffenen und ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen und ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung entgegen wirken.

Am Ende des einwöchigen intensiven Workshops sind die Workshopleiterinnen optimistisch, dass die Teilnehmerinnen die Situation der Menschen mit Lese- und Schreibschwäche besser verstehen sowie die Fähigkeiten und Lernvoraussetzungen ihrer Klientinnen besser einschätzen werden. Auch hat das Seminar dazu beigetragen, dass daraus nachhaltige Kooperationen durch Vernetzung und Austausch auf der europäischen Ebene entstehen werden.

 

Der Workshop wurde von Monika Tils organisiert, Trainerin war Yüksel Gök.

Die Trainerin Gök arbeitet als zertifizierter Coach (DCV­Zertifikat) und

Schulentwicklungsberaterin. Sie ist Prozessberaterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet auch ehrenamtlich im Verein Aufbruch Neukölln e.V.. Ihr Interesse, Menschen mit Migrationshintergrund die gleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland zu ermöglichen, brachte sie dazu, interkulturelle Trainings vor allem im Bildungsbereich (Schulen, freie Träger, Bildungsministerium) stärker zu entwickeln.

 

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Projektleiterin Monika Tils, 0176-29602210

Hier finden Sie die Präsentation der Ergebnisse und weitere Informationen